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Kriminelle Zeitgenossen

Also am liebsten mag ich ja das liebe Mütterlein. Gebrechlich oder gut bürgerlich, angesehen. Und doch steckt sie voller dunkler Geheimnisse. Oder diese netten, hilfsbereiten Mitmenschen. Sie fallen niemals auf, sind beliebt und geschätzt. Wer ahnt da schon, was in Ihnen schlummert? Als Werkzeuge für "meine" Morde bevorzuge ich alltagstaugliches. Plastikschüsseln, Apfeldatschi, Dampfnudeln oder Spargel, dazu noch eine Leiter oder vielleicht Suppengrün. Frei nach dem Motto:

"Hast Du die Speisen gut gewürzt, 
ist schnell er in die Grube g'stürzt"

Kaum hast die Pilze Du serviert,
dann ist er leider abgeschmiert ...

Und nach der Supp fiel tot er um
fiedelbum

Hast Du die Bratenreste abgetragen,
dann ist er länglich aufgeschlagen,
denn das Herz tat ihm versagen..

Kaum hat er in die Stulle bissen,
hat er den Löffel hingeschmissen ...

und als er aß von dem Kompott
war er auf einmal furchtbar totttt..

dann trank er seinen Gin
und war darauf gleich hin

er soff in Kürze aus sein Bier,
dann lag er mausetot vor ihr

Er hat am Sherry nur genippt,
ist dann sofort vom Stuhl gekippt

Der Sensenmann hat ihn erhascht,
als er von ihrer Torte nascht

Nach dem er den Salat verspeist,
war auf nimmer Wiederkehr er abgereist

Erst hat er seine Wurst gegessen,
jetzt ist er langsam am verwesen

Die Tomaten waren rot,
doch nach dem Essen war er tot....
 

 

 

 Mordsgeschichten: Alle Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen wären rein zufällig und sind nicht beabsichtigt.
 

Mitfühlend ?

 

 

Mitfühlend

Voller Elan betrat Elisabeth Niedermann, eine 60 jährige gepflegt aussehende Apothekerin, den Verkaufsraum der Markt Apotheke. Sie trug einen strahlend sauberen, weißen und frisch gestärkten Kittel. Seit einigen Jahren führte sie die Apotheke eigenständig. Die Inneneinrichtung der Apotheke war zwar funktionell,  doch sie wirkte nicht hypermodern oder kalt. Vielmehr war sie liebevoll dem Patrizierstil des schönen Hauses, direkt am Eingang zum Stadtmarkt,  angepasst.
 

 Seit Frau Niedermann denken konnte war sie hier in ihrer Apotheke. Sie hatte zuerst bei den Eltern gearbeitet und später dann die Apotheke übernommen. Es bereitete ihr große Freude, mit Ihren KundInnen umzugehen und die MitarbeiterInnen zu führen. Vieles war im Laufe der Zeit im Umgang mit den Mitarbeitern geschehen. Vieles hatte sich stark verändert. Angefangen von der früher so üblichen, ja fast schon Dressur von Lehrmädchen. Arbeitszeiten von mehr als 10 Stunden täglich, bis zu der jetzt geltenden geregelten Wochenarbeitszeit. Das  Arbeitsrecht und der Arbeitsschutz waren ebenfalls gewaltig verbessert worden . Darüber war sie sehr froh, denn sie hielt es für sehr wichtig, dass ihr Personal gute Arbeitsbedingungen hatte und mit Freude bei der Arbeit war. 

Es kam schon  einiges zusammen was sie bisher mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern erlebt hatte. Von Flunkereien wegen zu spät Kommens, bis hin zum Diebstahl von hochwertiger Kosmetika. Von ausgelassenen Feiern nach bestandenen Prüfungen bis zu wunderschönen Hochzeitsfesten ehemaliger MitarbeiterInnen. Alles auch noch so menschliche war ihr, in den Jahren in denen sie ihre Mitarbeiter führte, schon passiert. Doch das was die vergangenen Monate in der Apotheke geschah, hatte sie noch nicht erlebt.  Es war schlimm in letzter Zeit mit dem Betriebsklima. Ja, sie würde mit Herbert Klein, dem einzigen Apotheker den sie beschäftigte, ein ernstes Gespräch führen. Der Respekt der Kolleginnen vor ihm war nahezu auf  Null gesunken und so konnte es nicht weiter gehen.

Herbert Klein war seit 18 Jahren in der Apotheke beschäftigt. Er war ein stiller, freundlicher und sehr zuvorkommender Angestellter. Immer pünktlich und zuverlässig. Doch in den letzten 5 Monaten seit dem Tod seiner Mutter hatte er sich verändert. Es war ja auch ein großer Schock für ihn, dass seine Mutter im Alter von 60 Jahren so plötzlich verstarb, ohne vorher ernsthaft krank gewesen zu sein. 

Gut, gekränkelt hatte sie schon immer. Mal dieses Zipperlein mal jene Unpässlichkeit. Nichts ernstes, nur Kleinigkeiten oder Befindlichkeitsstörungen. Doch Herbert hatte die Sorge um seine Mutter daheim bei ihr festgehalten. Er war ledig geblieben, hatte nie ein Freundin. Seine Mutter brauchte ihn und es war ihm eine Freude und ein Bedürfnis, seine Mutter zu umsorgen und zu pflegen. Schließlich hatte sie ja ihre Gesundheit und ihr Wohlbefinden für ihn geopfert. Sein Vater war damals einfach verschwunden. Er hatte die Mutter kurz nach der Geburt mit dem kleinen Herbert sitzen lassen. 

Herbert hatte seine Zeit gerne mit seiner Mutter verbracht. Sie wusste immer was zu tun war. Schon mit 6 Jahren war Herbert ganz stolz darauf, für seine Mutter der Beschützer zu sein. Es war so befriedigend für ihn die Mutter, wo er nur konnte, zu entlasten. Nie im Leben hätte Herbert daran gedacht seine Mutter wegen einer anderen Frau zu verlassen.  

Frau Niedermann erinnerte sich, wie stolz Herbert immer erzählte. Von den Fahrten die er, zusammen mit seiner Mutter, unternahm. Oft hatte Frau Niedermann sich gedacht: „Das würde einen prima Ehemann abgeben. So liebevoll und zuvorkommend.“ Und dabei war Herbert so bescheiden, wenn es um seine Person ging. Er verlangte nichts, drängte sich nie vor, war zurückhaltend und zufrieden. So was von höflich und mitfühlend! Ach, ein Jammer dass Herbert als Ehemann nicht zur Disposition stand. So ein lieber Mensch imponierte jedem weiblichen Wesen, egal ob jung oder alt. Eine Frau die einen Mann fand, der so achtsam und galant mit seiner Mutter umging, konnte sich wahrlich glücklich schätzen. Denn er hatte ja gelernt was Frauen brauchen.  Für Herbert zählte allerdings nur seine Mutter. Während er sich anderen Frauen gegenüber äußerst charmant und einfühlsam benahm, jedoch immer einen zurückhaltenden Abstand wahrte.  

Es war auch nicht einfach für ihn. Nachdem er nur für und mit seiner Mutter gelebt hatte, auf einmal so allein zu sein. Zumal seine Mutter ihm im letzten Jahr Trost spendete und gut zusprach.  Da waren 6 von Herberts Stammkundinnen, die sich ausschließlich von ihm bedienen ließen, je im Abstand von nicht mal zwei Monaten, gestorben. Auch bei denen war das Ende nicht vorhersehbar gewesen. Keine von ihnen war ernstlich erkrankt. Gut auch sie hatten, ähnlich wie Herberts Mutter, immer wieder kleine Leiden. Um so mehr waren sie doch alle recht betroffen von diesen Todesfällen. Am Schlimmsten jedoch traf es den armen Herbert. Er war über die Todesfälle geradezu entsetzt und tieftraurig. Ja regelrecht außer sich vor Kummer. Unfälle, Herzversagen, Selbstmord  –  alles ganz plötzlich und unerwartet 

Wegen seiner zuvorkommenden und mitfühlenden Art war Herbert äußerst beliebt bei den Kunden ihrer Markt-Apotheke. Er konnte zuhören und wurde nicht müde Trost auszusprechen. Für jedes noch so kleine Wehwehchen nahm er sich Zeit, informierte die Kunden umfassend und kompetent. Gerade deshalb hatten sie viele Stammkundinnen, die nur von Herbert bedient werden wollten. 

Frau Niedermann sah beim betreten des Verkaufsraumes, dass drei ihrer Mitarbeiterinnen in der Ecke hinter dem Arzneiregal standen  und kicherten. „Meine Damen, bitte an ihre Arbeit. Die Apotheke ist voller Kunden, ist ja gerade Erkältungszeit sagte die Chefin freundlich. Bestimmt waren ihre Mitarbeiterinnen wieder wegen Herrn Klein so albern. Was er wohl diesmal wieder drauf haben würde? 

Während sie eben noch an Herbert dachte, kam dieser um die Ecke des Labors, in dem sie immer die Arzneien mischten. Auch die nach Rezept für die Kundschaft zusammen gerührten Salben, entstanden in dem Labor. Unwillkürlich musste sie schmunzeln. Herbert hatte sich um den Hals einen dicken Schal gebunden. Genau so, wie es jemand tut der starke Halsschmerzen hat. Es war gerade Erkältungszeit und die Kunden klagten verstärkt über Halsschmerzen, Schnupfen und Gliederschmerzen. Doch Herbert war nicht krank! Herberts Art die Krankheiten seiner Stammkundschaft zu „übernehmen“ führte zu diesen Irritationen des Personals. Schlimmer noch, diese Unart wurde der Grund für Gelächter und Spott der Kolleginnen. Deswegen war es unumgänglich mit ihm ein ernsthaftes  Gespräch zu führen.  

Das musste allerdings noch Zeit haben, denn der Verkaufsraum der Apotheke war voll mit Kunden, die bedient werden wollten. Sie hörte wie eine Kundin zu Herbert sagte: „ Ach heute habe ich wieder fürchterliche Kopfschmerzen. Das fährt mir vom Nacken bis in die Stirn. Ich kann nicht mehr richtig sehen, so quält mich das“. Frau Niedermann schaute in die Richtung aus der das Gespräch kam und sah von der Seite auf ihren Mitarbeiter. Der fasste sich prompt an den Kopf, mit beiden Händen, so als würde ihm der Schmerz in den Kopf schießen und wischte sich anschließend mit der Hand die Augen. Er tat als wolle er einen Schleier vertreiben, der eine klare Sicht behinderte. 

Nein! Das muss ein Ende haben mit dieser Art des Mitgefühls. Da bestand dringender Handlungsbedarf, dessen war sich Frau Niedermann sicher. Schon lange bevor seine Mutter tot war, sah es so aus, als würde Herbert die Krankheiten der Kundinnen selber haben. Als würde er selbst die Schmerzen spüren, über welche die weibliche Kundschaft klagte. Bei fremden Kundinnen war es meist nur ein momentanes zusammenzucken. Jedoch bei seinen Lieblingskundschaften bekam er wirklich die Symptome.  

Meist waren das Frauen im Alter von Herbert Kleins Mutter. Oder es waren sehr junge Frauen. Auch diese vertrauten sich gerne dem verständnisvollen Apotheker an. Sogar mit intimsten Fragen oder Beschwerden. Letzte Woche als eine junge Frau einen Schwächeanfall in der Apotheke hatte, da war er gleich mit zusammen gebrochen. Susanne, ihr Lehrmädchen hatte daraufhin, in ihrer manchmal etwas schnoddrigen Art,  gesagt: „Wenn jetzt jemand mit Pickeln kommt dann wird er morgen aussehen wie ein Streuselkuchen in der Pubertät.“  

Frau Niedermann nahm sich vor am morgigen Samstag, während des Nachtdienstes zu überlegen, wie sie die Sache mit Herbert besprechen konnte. Irgendwie hatte er eine Störung. Die galt es vorsichtig und umsichtig anzusprechen, um ihn nicht zu brüskieren.  

Den Nachtdienst hatte sie freiwillig übernommen, denn eigentlich wäre Herbert an der Reihe gewesen. Doch es wäre unvorstellbar, wenn dieser wie letzte Woche, als die Darmgrippe grassiert, dann 2 Stunden nicht mehr aus der Toilette kam. Dazu hatte es schon gereicht, dass  ihm Frau Berger von ihrer Diarrhö erzählte. Der Notdienst musste schließlich erreichbar sein, wenn jemand dringend ein Medikament brauchte. 

Also in dieser Nacht schien sich alles verschworen zu haben. Frau Niedermann war noch nicht mal dazu gekommen eine Tasse Kaffe zu trinken. So viele Kunden, die sich etwas zur Linderung ihrer Erkältung geholt hatten, waren bisher gekommen. War wieder mal schlimm in diesem Jahr mit den Infektionen. Sie genoss es deshalb, als so gegen 2:30 auf einmal Ruhe herrschte. Erst konnte sie es gar nicht glauben. Anscheinend lagen alle in ihren Betten und waren gut versorgt.  

Sie ging nach hinten in die kleine Teeküche, in der auch eine Liege stand für den Nachtdienst. Damit sich die Diensthabenden auch mal ein wenig ausruhen und hinlegen konnten, war diese Liege hier aufgestellt. Sie setzte sich erschöpft und hatte keine Bange zu verschlafen. Selbst wenn sie einnicken würde, der nächste Kunde weckte sie bestimmt durch das laute schellen mit der Nachtglocke, wieder auf. Doch sie fand keine richtige Ruhe, denn Herbert war ihr wieder eingefallen. Wie sollte sie ihm nur beibringen, dass er was für sich tun musste? Eventuell – nein - sehr wahrscheinlich sogar,  psychologische Hilfe brauchte. 

Bisher hatte sie noch nie so direkt mit ihm gesprochen. Wenn sie sich gemeinsam unterhielten, dann erzählte er meist von seiner Mutter und  ihren Krankheiten. Von dem, was er alles gerne für sie tat. Er schwärmte von den Ausflügen und Urlaubsreisen, die er mit seiner Mutter unternahm. Besonders stolz war er immer dann, wenn jemand seine Mutter und ihn für ein Pärchen hielten, weil die beiden so liebevoll und vertraut miteinander umgingen.  

Seine Arbeit hier in der Apotheke erledigte er sehr sorgfältig. So hatte es in den ganzen Jahren nie einen Anlass gegeben, ihn zu kritisieren oder ihm gar eine Rüge zu erteilen. Frau Niedermann seufzte schwer, denn es war für sie nicht einfach einen Anfang zu finden, wie sie dieses heikle Problem angehen konnte. Ihr war mulmig bei dem Gedanken an Herberts komisches Verhalten. Sicher war nur,  sein Verhalten war gestört. Aufgewachsen ohne Vater, immer die Verantwortung für die Mutter. Ein braver Sohn..... Muttersohn? Wieso fröstelte sie auf einmal?

Irgendwie war sie sogar dankbar, als die Nachtglocke bimmelte und sie aus diesen unerfreulichen Gedanken riss. Sie richtete sich auf und ging zur Türe um zu hören was verlangt wurde. Um dann das gewünschte Medikament durch die Öffnung der Glaseingangstüre durchzureichen. Es war notwendig, das so zu handhaben, denn Apotheken wurden nicht selten überfallen, um Geld oder Drogen zu rauben. So hatte niemand die Möglichkeit einzudringen, denn der mit einem Schieber verschlossene Schlitz und die kleine Sprechöffnung in der Türe, gaben niemand Gelegenheit die Apothekerin auszurauben. 

Draußen stand Herbert mit seinem für ihn so typischen bubenhaft – zurückhaltenden Lächeln. Sie öffnete erstaunt die Türe zur Apotheke. „Herbert, was treibt sie denn um diese Zeit auf die Straße? Sie sind doch nicht etwa krank?“ sagte sie und lies den verlegen hüstelnden Herbert eintreten. Dabei blicke der nicht auf. Sein Blick war auf den Boden geheftet, als müsse er da etwas gründlich untersuchen. Mit einem: „Kommen Sie Herbert, gehen wir nach hinten, da ist es gemütlicher“ legte Frau Niedermann die Hand auf Herberts Schulter um ihn in Richtung Teeküche zu bugsieren. Sie nahm auf der Liege Platz und bot Herbert den Stuhl an, der neben dem kleinen Schränkchen stand, auf dem die Kaffeemaschine ihren Platz hatte.  

Herbert setzte sich auf die rechte äußere Kante des Stuhles, seine Augen immer noch am Boden haftend. Ihr kam der Gedanke dass dies fast so aussah, als wolle er dort mit ihnen ein Loch hineinbohren, um darin zu verschwinden. Er sagte noch immer kein Wort. Warum war es ihr Grund zur Besorgnis, dass sein Atem so schwer ging? 

Wie Herbert da so mit hängenden Schultern vor ihr saß, kamen ihr leichte Zweifel, ob sie überhaupt mit ihm sprechen sollte. Er sah so müde aus und traurig. Nicht nur dass! Irgendwie war sein Gesicht verändert. Durcheinander, unsortiert, fast wie verzerrt waren seine Gesichtszüge. So aufgelöst hatte sie ihn noch nicht gesehen.  

Sie  war sich mehr als deutlich bewusst, dass sie für ihr Gespräch mit Herrn Klein, noch kein passendes Konzept hatte. Doch was blieb ihr nichts anderes übrig, als einfach anzufangen zu sprechen? Die Situation war so unbehaglich für sie geworden, dass ihr eigentlich schon egal war was gesagt wurde. Hauptsache es war schnell beendet.

Schließlich jedoch nahm sie ihren ganzen Mut zusammen, als sie so etwas wie ein leichtes Nicken bei Herbert gesehen zu haben glaubte. „Herbert ich darf sie doch Herbert nennen? Wir kennen uns ja schon so lange,“ sie sprach das hektisch und mit dem Blick fest auf Herbert gerichtet. Der glotzte noch immer zu Boden und bewegte sich nicht. Die Worte sprudelten nur so aus ihr heraus, denn sie bemerkte, dass sie durch das Sprechen wieder mehr Sicherheit bekam. „Herbert, es ist gut dass sie gekommen sind, ich wollte sowieso in Ruhe mit ihnen reden. Was ist nur los mit ihnen, Herbert. Seit ihre Mutter so plötzlich verschieden ist, sind sie nicht mehr der alte. Sie sind richtig Mit leidend geworden. Auf eine ganz merkwürdige Art. Es scheint mir, als würden sie die Krankheiten selber ertragen, die ihnen die Kunden erzählen.“ Hörte sie sich selbst sagen und diesmal nickte Herbert wirklich: „Es tut so weh“ meinte sie zu verstehen, denn das was Herbert von sich gab, war mehr ein Flüstern. “ Für Frau Niedermann wurde die Situation langsam etwas unbehaglich.  Deshalb sprach sie weiter, ja sie redete und redete, denn sie wollte wieder diesen Effekt von vorhin. Sie wollte ihre Selbstsicherheit und Souveränität zurück. Und doch bekam sie ein Gefühl, als redete sie um ihr Leben. Sie sagte irgendwas von Psychologin und wie sie ihm denn helfen könnte.  

Nein, Frau Niedermann fühlte sich nun überhaupt nicht mehr wohl. Das Gespräch kam ihr irgendwie irreal vor. Sie merkte, wie sich langsam ihre Migräne vom Nacken her zusammen zog. Lange würde es nicht mehr dauern, und ein kräftiger Anfall würde sie heimsuchen. Wieder hörte sie sich selbst sagen: „Herbert, so reden sie doch was ihnen weh tut. So kommen wir doch nicht weiter. Ich bemerke auch langsam, wie meine Migräne aufkommt, und mein Kopf zu schmerzen beginnt.“ Es war für sie wie ein dramatischer, letzter Versuch. Warum nur? Was machte ihr so Unbehagen, ja fast schon Angst? Schnell fügte sie noch hinzu: „Nun möchte sie bitten, wieder zu gehen. Wir sprechen dann am Montag noch mal.“ Ja das war es! So konnte sie sich für heute Nacht erst mal  Luft machen und diese ungemütliche Situation beenden. 

Durch Herberts Körper ging ein Ruck und er hob den Kopf an. Dann blickte ihr direkt in die Augen. Wie ein waidwundes Tier schaute er ... nein, eher wie ein Irrer, dachte sie. „Kopfweh“ dieses Wort hatte er mehr gebellt als gesprochen. Tief und gurgelnd kam es aus seiner Kehle. Und seine Augen fingen an zu leuchten. So als würde er in eine brennende Kerze blicken, blitzte und flackerte es in seinen Augen. Fast bösartig dachte sie und fröstelte. Sie sah wie Herbert erneut den Mund öffnete um etwas zu sagen. „Will keinen Schmerz“. Diese Worte kamen abgehackt und stammelnd bei ihr an. So, dass sie sich nicht sicher war, ihn richtig verstanden zu haben.  

Frau Niedermann hatte für heute Nacht genug und wollte aufstehen. Sie beabsichtigte Herbert freundlich, aber bestimmt zur Türe hinaus geleiten. Doch soweit kam sie nicht mehr. Erst dachte sie ja, er würde aufstehen und gehen. Dann sah sie aus den Augenwinkeln, wie Herbert vom Stuhl hoch schoss und direkt auf sie zu kam. Sie spürte, wie er mit seinen Händen ihren  Hals umfasste. Seine Hände, die sie immer so fasziniert hatten. Herbert hatte so schöne Hände, zart und weich. Doch heute Nacht steckten diese Hände verborgen in Lederhandschuhen. Und es waren grobe Hände, die sich immer fester um ihren Hals spannten und ihr den Atem raubten.  

Während Sie versuchte sich aus seinem Würgegriff zu befreien, trafen hämmernd wie ein Stakkato, die Worte von ihm ihre Ohren: „Mama hat mir Weh gemacht – überall, auf einmal. Ich habe gesagt: Nein Mama, nicht, sag nicht Du hast Bauchweh. Sag nicht Du hast Kopfweh – das macht mir Schmerz. Doch sie hat nicht gehört! Nein, sie hat weiter geklagt. Sie hat mir Schmerz gemacht. Mama war böse. Da habe ich ihr Medizin gegeben und sie ist eingeschlafen“ 

Frau Niedermann kämpfte mit diesen Händen, die sich in das Fleisch an ihrem Hals gruben. Da spürte sie, wie der Druck um ihren Hals ein wenig nach lies. So als hielt Herbert ein wenig inne, als würde er überlegen. Wieder sah sie direkt in seine Augen, es war ein Ausdruck darin, den  Frau Niedermann noch nie vorher so gesehen hatte. Sie hörte sich selber krächzen: „Vergiftet“ Herbert nickte nur und drückte wieder fester zu. „Und Frau Meinders und Frau Krügel – Schmerz gemacht“ wie Peitschenhiebe empfand sie die Worte. Sie kamen so laut, dass es  in ihren Ohren schmerzte. Siedendheiß durchströmte Frau Niedermann die Erkenntnis: „Du hast sie umgebracht“  

War sie es die das röchelte? Oder hatte nur ihr Gehirn erkannt? Merkwürdige Gedanken gingen ihr durch den Kopf, während sie nach Luft rang. Sie hatte immer gedacht, dass Sterbende in den letzten Minuten oder waren es Sekunden, ihr Leben vor sich ablaufen sehen. Doch sie konnte nur Herbert sehen. 

Herbert wie er durchknallte. Herbert, wie er die Schmerzen der Anderen am eigenen Leib spürte und sie dafür verantwortlich machte. Herbert, wie er  all die  Kundinnen, die in letzter Zeit so abrupt ihr Leben ließen, umgebracht hatte. Herbert, wie er seine Mutter vergötterte. Herbert, wie er von der Mutter dressiert wurde. Herbert, wie er brav funktionierte. Herbert, wie er Hass aufbaute weil er nie eigenverantwortlich entscheiden konnte. Herbert, wie er letztendlich die ewig nörgelnde und kränkelnde Mutter vergiftete.  

Herbert, wie er über ihr gebeugt stand und ihr die Kehle zudrückte. Herbert der Psychopath. Ich sterbe, weil ich Kopfweh bekam, war das Letzte was sie in denken konnte, bevor sie das Bewusstsein verlor. Die schreckliche Wahrheit über Herbert nahm sie mit in den Tod. Herbert indessen umklammerte weiter ihren Hals und drückte und drückte....... 

Was danach geschah: Der Raubmord konnte nie aufgeklärt werden. Trotz der intensiven Ermittlungen der zuständigen Kripo. Aus diesem Grund konnte auch nie geklärt werden, warum nur einige leichtere Medikamente, gegen Kopfschmerzen und kleine Unpässlichkeiten,  geraubt wurden und kein Geld oder Drogen. Herbert Klein begann kurze Zeit später seinen Dienst in der Domapotheke der Hauptstadt. Dort fand dieser freundliche, kompetente und umgängliche Apotheker sofort eine Anstellung....  2002 

 

12.01.2006© Steffi Melakka alle Rechte vorbehalten. Alle Artikel, Gedichte und Bilder unterliegen dem Urheberrecht Veröffentlichung, Druck, Zitate nur nach vorheriger Genehmigung, ausschließlich über Steffi Melakka. Hinweise dazu finden sie im Impressum

Diese Seite wurde zuletzt aktualisiert am 25.02.2006